Interview mit Rotten Places

Nachgefragt bei: Kerstin Lucklum

Kerstin Lucklum aus Jena ist begeisterte Fotografin. Auf ihrer Webseite www.gruftfoto.de zeigt sie die Schönheit des Verfalls im überwiegend ostdeutschen Raum aus einem wunderbaren Blickwinkel. Neben szenebekannten Bauwerken finden sich hier auch einige kunstvoll aufbereitete Perlen der Industriekultur. Ihre Fotografien, die allesamt eine spannende Geschichte erzählen, zeigt Lucklum überwiegend koloriert, mal in der Totalen, mal im Detail.

 

rottenplaces: Kerstin, woher kommt die Faszination für diese besondere Art der Fotografie?

Lucklum: Solange ich mich erinnern kann, faszinieren mich alte geheimnisvolle Plätze. Schon als Kind konnte ich nicht widerstehen, wenn irgendwo ein Loch in der Erde war. In meiner Geburtsstadt Tangermünde gibt es Gänge unter der Altstadt, die an einer Stelle zeitweise zugänglich waren und es war natürlich nichts wichtiger, als diese Gänge zu begehen. Auch die zahlreich vorhandenen alten Türme und Gemäuer waren vor mir nicht sicher, wenn ich nur irgendwie hereinkam. Von früher Jugend an war mir der Fotoapparat ein nicht wichtiges Utensil, auf die Idee die geheimnisvollen Orte mit der Fotografie zu verbinden kam ich aber erst sehr viel später.

 

rottenplaces: Fotografen, die ihre Berufung in der extravaganten oder urbanen Fotografie sehen, durch verlassene und teilweise einsturzgefährdete Gebäude streifen, werden sofort dem Urban Exploring zugeteilt. Würdest du das so unterschreiben oder ordnest du dich lieber als Fotografin zu Dokumentationszwecken ein?

Lucklum: Urbex sehe ich als Oberbegriff für alles, was mit der Erforschung und Dokumentation von Altem und Neuem zu tun hat. Also auch die Fotografie moderner Architektur, die mich jedoch nicht so sehr interessiert, es sei denn, es ist wirklich etwas Besonderes. Mein Gebiet ist alles Alte, verfallende und marode. Hier geht es mir um die Dokumentation dieser Objekte und um den künstlerischen Aspekt, der in Strukturen und Farben zum Tragen kommt.

 

rottenplaces: Auf deiner Webseite finden sich ausgewählte und beeindruckende Gebäude, deren Glanzzeit längst verflogen ist. Einige wurden mittlerweile bereits abgerissen. Erinnerst du dich noch an dein erstes Objekt - welches war das - und wie war das Gefühl, ein solches zu erkunden?

Lucklum: Da mein Interesse schon sehr lange besteht und ich ja auch nicht mehr so ganz jung bin, kann ich mich an kein bestimmtes Objekt erinnern. Es waren immer mal wieder interessante Objekte, die mich in ihren Bann zogen. Einst war es nur das Interesse, diese Orte zu entdecken und anzusehen, später kam dann die Fotografie dazu.

 

rottenplaces: Deine Fotografien werden auf deiner Webseite überwiegend in Farbe veröf-fentlicht. Warum entscheidest du dich für diese Art der Darstellungen?
Lucklum: Auch wenn ich sonst einen Hang zum Schwarz habe, finde ich, dass die Farbe im Bild eine wichtige Information darstellt. Vieles wirkt erst richtig durch ungewöhnliche Farben und gewisse Dinge strahlen erst durch die Farbe einen gewissen Ekelfaktor aus. Bei Motiven mit besonderen Strukturen könnte ich mir aber auch vorstellen, diese in Schwarz-Weiß darzustellen. Schwarz-Weiß hat durchaus seine Reize.

 

rottenplaces: Bei vielen Themen gehen die Meinungen auseinander. Welchen Fotografen man auch nimmt, der eine lichtet die Gebäude nur von außen ab, der andere legt Wert auf eine bunte Mischung zwischen Innen- und Außenaufnahmen und wieder andere dokumentieren fotografisch jeden Winkel und noch so kleinen Raum. Auch bei dir gibt es eine "bunte" Mischung. Wie ist deine bevorzugte Herangehensweise?

Lucklum: Ich versuche, ein möglichst umfassendes Bild von einem Objekt zu bieten. Dazu gehören sowohl Außen- als auch Innenaufnahmen und sehr wichtig Details. Allerdings muss ich nicht jeden noch so unscheinbaren Raum fotografieren. Mir ist schon wichtig, das auf den Fotos mehr zu sehen ist, als ein leerer weißer Raum. Gut, bei manchen Objekten gibt es nicht viel anderes zu sehen, da mache ich dann auch mal solch ein Foto, auch um zu zeigen, dass dieses Gebäude relativ unspektakulär ist. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Bei einem Gebäude mit einer sehr schönen Architektur und uninteressantem Innenleben, mache ich mehr Außenaufnahmen und umgekehrt. Innenaufnahmen sind mir aber grundsätzlich wichtiger und so ist der größte Teil meiner Fotos innen entstanden.

 

rottenplaces: Welche Kamera(s) setzt du auf deinen Fototouren ein und was für ein Equipment wird von dir bevorzugt?

Lucklum: Meine erste Kamera, mit der es mit der Fotografie von Lost Places begann, war eine Canon Powershot G3. Sie hat mir treue Dienste geleistet und würde dies auch immer noch, wenn dann nicht die EOS 40D gekommen wäre. Sie begleitet mich nun auf meinen Streifzügen. Als Objektive verwende ich möglichst lichtstarke, da ich auch noch Konzertfotografie mache, wo meist recht wenig Licht vorhanden ist. Im Wesentlichen sind es das EFs 17-55/2.8 IS USM und das EF 70-200/2.8 L IS USM. Ergänzend, wenn es nicht anders geht, Blitze und ein Stativ, aber wegen der Schlepperei versuche ich möglichst ohne Stativ auszukommen. Es gibt meist Möglichkeiten, die Kamera irgendwo aufzulegen oder anzulegen, als Stativersatz. Da muss man etwas kreativ sein.

 

rottenplaces: Fotografinnen wie du sehen auf ihren Fototouren viel Vandalismus und kriminelle Energie, die den Gebäuden arg zugerichtet hat. Teilweise sind solche, nicht nachvollziehbaren Entgleisungen der Grund für die Zerstörung und das Ende ganzer Objekte. Das Resultat sind komplexe Sicherheitsvorkehrungen der Eigentümer und harte Strafen für Fotografen, die ohne spezielle Genehmigung diese Objekte betreten. Wie ist deine Meinung zu diesem Thema?

Lucklum: Das ist ein Thema, bei dem ich mich fürchterlich aufregen könnte. Einstein sagte so schön: "Das Universum und die menschliche Dummheit sind unendlich, wobei ich mir bei Ersterem nicht ganz sicher bin". Es ist traurig mit anzusehen, das viele, vor allem junge Menschen, nichts mehr mit sich anzufangen wissen und ihren Frust in Vandalismus heraus lassen. Zum Zerstören braucht es nicht viel Verstand und scheinbar reicht es dafür gerade noch. Es gibt keine Achtung mehr vor fremdem Eigentum. Es ist verständlich und nachvollziehbar das die Eigentümer dagegen vorgehen. Nur eben schade, dass die, die sich zu benehmen wissen, darunter leiden müssen. Sicher ist es schwierig die Spreu vom Weizen zu trennen, aber wenn jemand mit teurer Fototechnik durch ein Gebäude geht, ist kaum anzunehmen, dass dieser randalieren will, da sollte man schon etwas hinterfragen. Was ich in unserer Rechtsprechung auch etwas daneben finde, ist das der Eigentümer verantwortlich gemacht wird, wenn etwas passiert. Wenn ich in solche Gebäude gehe, bin ich mir der Gefahr bewusst und mache das auf mein Risiko. Wenn jemand auf einen Baum klettert und runter fällt, ist dann der verantwortlich, der den Baum gepflanzt, oder ihn nicht ordnungsgemäß eingezäunt hat?

 

rottenplaces: Du hast auf deinen Touren in verschiedene Städte bereits viel gesehen und erlebt, darunter Highlights wie die Beelitzer Heilstätten in Berlin oder einige industriellen Objekte. Gibt es eine Location - wo auch immer - die du gerne einmal aufsuchen würdest?

Lucklum: Es gibt so vieles. Wenn ich manche Fotoserien aus Belgien oder Frankreich sehe, verlassene Villen mit Mobiliar, bekomme ich Fernweh. Mich interessieren solche Gebäude auch als Location für Fotoshootings, was könnte man da für tolle Fotos machen. In dem Film "The Rock" gibt es unheimlich viel zu sehen, was das Schrottrobberherz höher schlagen lässt. Wenn es dort wirklich so aussieht und nicht nur im Film, wäre das wohl ein Traumziel. Eine Tour durch die USA wäre generell sehr interessant, aber erst mal werde ich mich den Objekten widmen, die nicht so weit entfernt sind. Auch hier gibt es vieles interessante zu entdecken.

 

rottenplaces: Welche Ratschläge gibst du Einsteigern, die auch von diesem Virus - der extravaganten oder urbanen Fotografie, infiziert worden sind?

Lucklum: Der Erste und wichtigste: Vorsicht. Man sollte einen kühlen Kopf bewahren, auch wenn das Objekt noch so faszinierend ist und auch mal auf einen Raum verzichten, wenn er zu unsicher ist. Das Wichtigste ist immer noch die Gesundheit. Ich begehe ein Gebäude immer von unten nach oben. Ein Auge auf den Fußboden und das andere zur Decke. So kann ich abschätzen, wie sicher die nächste Etage ist. Chamäleons sind da absolut im Vorteil. Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, wo man lang gehen kann und wo man es lassen sollte. Wobei das Gefühl keine Garantie ist, aber ich habe mir bisher jedenfalls noch nicht mal einen Splitter eingezogen.

 

rottenplaces: Was gibt es demnächst von Kerstin Lucklum zu lesen, sehen oder hören, bzw. wie lauten deine Zukunftspläne?

Lucklum: Zunächst möchte ich noch viele weitere Objekte begehen und fotografieren. Meine Liste der noch zu begehenden Objekte ist lang und immer wieder kommt Neues hinzu. Dann geht mir schon lange der Gedanke an einen Bildband durch den Kopf und vielleicht realisiere ich dieses Projekt irgendwann. Auf jeden Fall wird auf gruftfoto.de immer wieder neues Altes zu sehen sein, solange ich nicht im Rollstuhl sitze oder auf einen Rollator angewiesen bin ;-) und selbst dann könnte ich mir vorstellen, dass es Wege gibt... Abschließend möchte ich mich für das Interesse an meiner Arbeit bedanken, das ist ein großes Lob für mich.

 

Wir danken Kerstin Lucklum für dieses Interview.

Das Interview führte André Winternitz